Verschwörungsideologischer Professor holt rechten Mob an die Universität Bielefeld

Wir haben bereits 2022 über Martin Schwab, Jura-Professor an der Universität Bielefeld berichtet. Im Kontext der Corona-Pandemie entwickelte sich Schwab zu einer einflussreichen Figur der rechten verschwörungsideologischen Szene. Dabei nutzt er gezielt seinen Status als Universitätsprofessor, um sich gegenüber seiner Zuhörer*innenschaft zu profilieren. Nachdem die Uni-Leitung 2022 eine beamtenrechtliche Prüfung von Schwabs Aktivitäten in Folge unserer Recherchen und sich anschließender Medienberichte ankündigte wurde es ruhig um Schwab in Bielefeld und bis heute gibt es keine weitere öffentlich Positionierung des Rektorats zu dem verschwörungsideologischen Professor. Seit Dezember ist diese Ruhe vorbei. Was ist passiert?

11.12.25: Ein Teil der Schwab-Fans trifft gegen 16.00 Uhr an der Uni Bielefeld ein.

Ursprünglich hatte die Jura-Fachschaft eine Veranstaltung zum Thema „Meine Rechte als Prüfling im staatlichen Teil der Ersten Juristischen Prüfung“ mit Martin Schwab als Vortragendem geplant und angekündigt. Nachdem einige Hinweise zu Schwab eingingen und sich die Fachschaft näher mit Schwab und seinen außeruniversitären Aktivitäten beschäftigt hatte, sagte die Fachschaft die Veranstaltung per Mail an die Studierenden ab. Schwab reagierte beleidigt, veröffentlichte die Mail der Fachschaft auf seinen Accounts bei facebook und telegram und kündigte an, die Veranstaltung nun in Eigenregie durchzuführen. Rechte Desinformationsmedien wie Nius und ApolloNews oder Alexander Wallasch griffen Schwabs Online-Rant auf und schwadronierten über eine vermeintliche Cancelculture an der Uni Bielefeld. In den folgenden Tagen unterrichtete Schwab seine Online-Fans über jede weitere Entwicklung. Dabei beleidigte er Vertreter*innen des AStA („Damit zeigt der AStA seine eigene hässliche totalitäre Fratze.“), nachdem der AStA einen (gut recherchierten) Info-Flyer zu Schwabs Person verteilt hatte. Schwab stellte auch Einzelpersonen der Jura-Fachschaft gesondert heraus, sowohl in seinen Posts als auch in späteren Interviews mit Nius. Seine Online-Fanbase nahm seine Posts willig auf, kündigte Unterstützung für Schwab an und beleidigte die Studierenden in den Kommentarspalten. Schwabs Beiträge wurden auch überregional in verschwörungsideologischen Kanälen geteilt, z.B. bei „Bielefeld steht auf“, „Grundrechte Osnabrück“, der Gruppe „Minden OWL NRW Deutschland“ und weiteren radikalisierten Überbleibseln der Coronaleugner*innen-Szene. Ein studentische Hochschulgruppe kündigte Protest gegen Schwabs Veranstaltung an und Schwab trommelte online für Unterstützung aus seiner Schwurbel-Bubble.

11.12.25: Martin Schwab umarmt Katharina König, rechts daneben Sven Schlegelmilch von BSA.

Die fand sich dann am 11.12.25 gegen 16 uhr in Form von circa 20-25 Schwab-Vertrauten und Fans ein. Schon Tage zuvor hatte Sven Schlegelmilch, einer der Organisatoren und Moderator bei der rechten Gruppe „Bielefeld steht auf“ (BSA) bei facebook angekündigt, ab 16 Uhr an der Universität zu sein. Neben Schlegelmilch fand sich auch André Jesse, ebenfalls Organisator und Moderator bei BSA, an der Uni ein. Eine ausführliche Einschätzung zu BSA befindet auf unserer Internetseite.

11.12.25: Peter zur Linde (links) und Sven Schlegelmilch in der Uni Bielefeld vor dem Büro von Martin Schwab

Aus Osnabrück reiste Peter zur Linde an. Zu Linde ist Betreiber des telegram-Kanals „Grundrechte Osnabrück“ und organisiert seit Jahren verschwörungsideologische Demos und Kundgebungen in Osnabrück. Auch bei BSA-Demos ist er regelmäßig anzutreffen. Stefan Langenbach, Betreiber des Kanals „Wirtschaftswunder 4.1“, war ein weiteres bekanntes Gesicht am 11.12.

11.12.25: Peter zur Linde interviewt Stefan Langenbach

Katharina König hat sich in der verschwörungsideologischen Szene als selbstbezeichnete „Impfgeschädigte“ einen gewissen Namen gemacht und war bereits Rednerin bei BSA-Demos. Thomas Wolff von der Gruppe „Querdenken 5221“ kam aus Herford zu Schwabs Unterstützung.

11.12.25: Thomas Wolff (rechts), daneben Peter zur Linde, links hinter ihm Siegfried Meier

Auch Mike S., der regelmäßig Fotos von BSA-Demos und ähnlichen Veranstaltungen macht, war vor Ort und dokumentierte den Aufzug von Beginn an. Ins Auge fiel ein Mann, den nach Eigenangaben des Schwab-Unterstützers Christian Moser (ein Steurberater aus Erkrath) als Personenschützer für Schwab mitgebracht hatte, der mit Quarzhandschuhen und Pfefferspray bewaffnet war.

11.12.25: Martin Schwab (ganz links) bespricht sich mit seinen Fans. Vorne links Katharina König, mittig Christian Moser, dahinter der von Moser mitgebrachte „Personenschützer“ mit Quarzhandschuhen

Ein anderer Mann brachte zwei große Hunde mit. Schon von weitem war hier schnell ersichtlich, dass dieser Aufzug für eine Universität eher ungewöhnlich war. Die Gruppe suchte Schwab in seinem Uni-Büro auf. Peter zur Linde und Sven Schlegelmilch nahmen direkt im Flur vor Schwabs Büro ein Video auf, in dem sie von geplanten Angriffen auf Schwab fabulierten und die auch bei der AfD beliebte Verschwörungserzählung aufgriffen, die für den Protest gegen Schwab zu erwartetenden Studierenden seien „mit Steuergeldern und von der Regierung auf den Weg geschickt“. Der Mythos um eine wahlweise von der Regierung, vom sogenannten „deep state“ oder einer „geheimen (jüdischen) Elite“ (die Bezeichnungen sind, wie in Verschwörungsmythen nicht untypisch austauschbar) bezahlte Antifa (die es als einheitliche Organisation so nicht gibt), ist seit Jahren eine virulente Verschwörungserzählung in der deutschen wie auch der internationalen Rechten, zum Beispiel in den USA. In Deutschland wird sie häufig von der AfD und ihren Anhänger*innen verbreitet. Oft wird die Erzählung mit antisemitischen Andeutungen angereichert, so wird der jüdische Holocaustüberlebende und Philantrop George Soros oftmals als geheimer Finanzier im Hintergrund emanzipatorischer Proteste angenommen und somit ein altes antisemitisches Stereotyp aufgegriffen. Auch Martin Schwab bringt auf seinen Social-Media-Kanälen George Soros mit ihm unliebsamer Rechtsprechung in Deutschland in Verbindung und schreibt in diesem Zusammenhang, man wolle ja nicht annehmen, der betreffende Richter sei eine „Globalisten-Marionette […], die einer wie auch immer gearteten Neuen Weltordnung den richterlichen Segen zu verleihen“ (Post vom 26.02.25). Auch „Neue Weltordnung“ oder „New World Order“ (NWO) ist ein in verschwörungsideologischen und neofaschistischen Kreisen beliebtes Kennwort für eine herbeifantasierte von „geheimen Eliten“ angestrebte und gesteuerte Systemneuordnung. Für den Jura-Professor Schwab ist es kein Problem, dass vor seinem Uni-Büro Videos mit Verschwörungsmythen aufgenommen werden und deckt sich mit seinen eigenen Überzeugungen. In einem Livestream, den Katharina König an dem Tag auf ihrem Youtube-Kanal streamte, ist zu sehen, wie sich Schwab und seine Schwurbel-Fans gemeinsam schon eine Stunde vor dem Beginn der Veranstaltung zu dem Uni-Gebäude X begeben. Schwab sagt kurz, er sei gebeten worden, erst unmittelbar vor Beginn zum Veranstaltungsraum zu gehen. Sven Schlegelmilch schlägt dann vor, sich bereits jetzt ins Gebäude zu begeben (entgegen der von Schwab mit der Uni-Leitung getroffenen Absprache), was die Gruppe und Schwab dann auch tun. Vor dem Gebäude äußert sich Schwab dann abfällig über Studierende, Schlegelmilch spekuliert darüber, dass „echte Nazis“ den Studierenden schon längst die Zähne ausgeschlagen hätten. Im X-Gebäude werden dann Studierende durch die Schwab-Fans bedrängt, abgefilmt, beleidigt und bedroht, wie auch der AStA im Nachgang in einem offenen Brief thematisiert. Bekannte rechte Akteure, die rechte Gruppen anführen und bewaffnete „Personenschützer“ mitschleppen, wurden in dieser Situation von einem Professor der Uni gegen Studierende in Stellung gebracht und Studierende dadurch gefährdet. Dabei ist diese Gefahr nicht nur in der Situation im Uni-Gebäude am 11.12.25 vorhanden. Dadurch, dass Schwab Studierende seinen Online-Fans gegenüber gezielt als Feinde und Bedrohung herausstellt und somit zu Zielscheiben macht, werden die Studierenden auch über die Situation hinaus einer Gefahr ausgesetzt.

Screenshot (12.12.25) vom Telegram Kanal „Wirtschaftswunder 4.1“

Das zeigt sich unmittelbar im Kanal „Wirtschaftswunder 4.1“, der von Stefan Langenfeld betrieben wird. Wie oben erwähnt, war auch Langenfeld am 11.12.25 an der Uni vor Ort. Am folgenden Tag (12.12.25) veröffentlicht Langenfeld einen Text, der ein Gespräch im Jahr 2040 darstellen soll und in dem Langenfeld davon träumt, dass ein „Blutbad“ mit „vielen Toten und Verletzten“ unter den Studierenden hätte stattfinden sollen. Ein solches wäre im Nachgang vor Gericht als Notwehr verhandelt worden und das Blutbad an der Uni Bielefeld hätte dann dazu geführt, dass die „staatliche Finanzierung aller NGOs wurde beendet, die NGOs selbst aufgelöst, die Antifa verboten. […] Das war der Beginn der direkten Demokratie, wie wir sie heute für ganz selbstverständlich halten.“. Was hier wie ein harmloses Geschwurbel daherkommt, bringt ganz konkrete Gewaltfantasien zum Ausdruck und greift dabei auch auf die in neonazistischen und rechtsterroristischen Kreisen Vorstellung von einem „Tag X“ zurück, an dem politische Gegner*innen durch gezielte Mordaktionen beseitigt und das System zum Umsturz gebracht wird. Es sind Fantasien, wie sie auch im Kreis der rechtsterroristischen Vereinigung „Patriotische Union“, in deren Gerichtsverfahren Schwab als Verteidiger auftritt, geteilt wurden. Fantasien, die immer wieder auch reale Gewalttaten inspirieren. Auf dem gleichen Kanal wird nach der Veröffentlichung des offenen Briefs des AStA ein Bild eines AStA-Vorsitzenden geteilt und der Studierende als „faschistoider Niemand der Woche“ beschrieben. Hier setzte sich konsequent fort, was Schwab auf seinen Accounts und in den Interviews begonnen hat.

Auch im Nachgang legte Schwab nach, gab Nius und anderen rechten, verschwörungsideologischen Desinformationsmedien (z.B. Alexander Wallasch, bittelTV) Interviews, in denen er gegen die Studierenden des AStA und der Fachschaft hetzte, sich als Opfer in Szene setzte und gleichzeitig der Uni-Leitung für die Rückendeckung dankte. Er warf dem AStA Mobbing vor und behauptete, es habe niemanden mit Quarzhandschuhen und Pfefferspray unter seinen Fans gegeben. Blöd nur, dass Christian Moser selbst ein ausführliches Schreiben veröffentlicht hat, in dem er die Anwesenheit eines entsprechend ausgerüsteten „Personenschützers“ breit thematisiert. Das Schreiben war an die Uni-Leitung addressiert, der Umstand dürfte dort also bekannt sein. In einem Interview mit Anselm Lenz (veröffentlicht am 16.12.25) gibt Schwab an, viele „seiner“ Studierenden wüssten, was er politisch treibe und würden dies gut finden: „Viele meiner Studenten sind sogar ansprechbar für das, was ich außerhalb der Uni mache.“ Er veranstaltet seit Jahren eine Karaoke-Abend mit Studierenden und nutzt offenbar diesen informellen Rahmen, um sich auch politisch die Unterstützung der ihm zugeneigten Studierenden zu sichern.

Schwab betont immer wieder, dass seine politischen Aktivitäten im Kontext der verschwörungsideologischen Szene sich nicht auf seine Tätigkeit als Professor der Uni Bielefeld auswirke. Die Ereignisse rund um den 11.12.25 zeigen deutlich, dass Schwab diese vermeintlichen Grenzen längst eingerissen hat.

Von der Uni-Leitung gibt es bis heute kein Statement zu Schwabs Verhalten, zu der gewaltbereiten und teils bewaffneten Fan-Gruppe, die er mit an die Uni schleppte und auch nicht zu seinem Online-Verhalten, dass Studierende konkret Gefahren aussetzt. Wenn man sich Schwabs politische Umtriebe anschaut, ist direkt klar, dass die Ereignisse rund um den 11.12.25 erwartbar waren. Vielleicht will sich das Rektorat darauf zurück ziehen, von Schwab in den letzten Jahren nichts mitbekommen zu haben, da er sich ruhig verhalten habe. Dieses Informationsdefizit können wir beseitigen.

Schwabs Aktivitäten seit 2022 – zwischen Verschwörungsmythen, Antisemitismus und rechten Umstürzlern

Martin Schwab ist seit der Pandemie konstant in der verschwörungsideologischen Szene aktiv und hat sich, wie so viele Menschen aus dieser Szene, in den letzten Jahren zunehmend radikalisiert. Er tritt regelmäßig als Redner bei rechten Demonstrationen auf, wenngleich sich mit sinkender Teilnehmer*innezahl der verschwörungsideologischen Demos auch Schwabs Präsenz auf den Bühnen reduziert hat. Eine Besonderheit ist die Zusammenarbeit mit der rechten Gruppe „Bielefeld steht auf“ (BSA). In unserer ersten Recherche 2022 haben wir uns intensiv mit Schwabs Rede bei einer BSA-Demo am 18.03.2022 in Bielefeld auseinandergesetzt. Seitdem ist Schwab mehrfach bei BSA-Demos in Bielefeld und bei überregionalen Demonstrationen aufgetreten, an denen die beiden BSA-Anführer André Jesse und Sven Schlegelmilch organisatorisch beteiligt waren (z.B. am 12.02.23 in Bückeburg oder am 18.02.23 in Detmold). Wiederkehrende Feindbilder in seinen Reden sind Journalist*innen und die etablierten Medien, Antifaschist*innen und Politiker*innen, die im Zuge der Pandemie für die Corona-Politik verantwortlich waren. Dabei legt er einen besonderen Schwerpunkt auf die Verharmlosung und Leugnung von Antisemitismus und NS-Relativierung in der Szene der Coronaleugner*innen.

04.10.23: Martin Schwab hält seine Rede bei der Kundgebung für Tim Kellner in Detmold

Am 04.10.2023 folgte Schwab der Einladung von Jesse und Schlegelmilch und sprach in Detmold bei einer Solidaritätskundgebung für den nationalistischen und sexistischen Youtuber Tim Kellner, der parallel zur Kundgebung am Amtsgericht Detmold einen Prozess wegen Beleidigung hatte. Kellner ist einer der einflussreichsten rechten Influencer Deutschlands und verbreitet auf seinen Socialmedia-Kanälen regelmäßig antisemitische Verschwörungsmythen. offenen Rassismus und platte Hetze gegen politisch aktive Frauen, die LGBTQ+-Community und Antifaschist*innen. Inzwischen ist er mehrfach wegen Beleidigung verurteilt. Schwab trat hier also, neben AfD-Politiker Thomas Röckemann und dem Bielefelder AfD-Mitglied Andreas Kaup, bereitwillig zur Unterstützung von einem bekannten Rassisten und Sexisten auf. Er hielt die längste Rede auf der rechten Kundgebung. In seiner Rede beleidigte Schwab unter Gejohle der Kellner-Fans einen Journalisten, der in der Neuen Westfälischen kritisch über Schwab und seine Kontakte zur Holocaustleugnerin und Reichsbürgerin Juliane Sprunk berichtet hatte, bei Nennung seines Namens als „kleinen Schmierfink, der von Journalismus keine Ahnung hat“ und kündigte an, gegen den Journalisten vor Gericht ziehen zu wollen. Er beklagte schreiend ein „Rechts-Rechts-Nazi-Framing“ (gemeint ist die zutreffende Einordnung von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus etc. und die Benennung von Vernetzung mit Neonazis und Reichsbürger*innen), das Menschen wie ihn und Kellner und die gesamte Szene der Coronaleugner*innen zu Unrecht träfe. In seiner Rede setzte er die Geschäftsschließung während der Pandemie mit den antisemitischen Verdrängungs- und Terrorpolitiken gegen jüdische Gewerbetreibende während des Nationalsozialismus gleich und berichtete von einem Prozess, in dem er einen Mandanten verteidigte, der online Shoa-relativierende Inhalte verbreitet hatte (ein Post mit „Impfen macht frei“ in Anlehnung an die Türgravur im Vernichtungslager Auschwitz „Arbeit macht frei“). Durch die Gleichsetzung der Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung mit der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik werden die Verbrechen NS-Deutschlands systematisch verharmlost und relativiert. Diese NS-Relativierung ist geschichtsvergessen und leistet einem Schuldabwehr-Antisemitismus Vorschub. Schwab vertritt seit Jahren Mandant*innen in einschlägigen Prozessen und ist so aktiv daran beteiligt, den Antisemitismus der verschwörungsideologischen Szene zu verharmlosen und zu verdecken. Die Verteidigung seines damaligen Parteikollegen Sucharit Bhakdi wegen Volksverhetzung bescherte ihm in diesem Kontext mediale Aufmerksamkeit. Bhakdi fällt seit 2021 regelmäßig durch antisemitische Aussagen und insbesondere auch Relativierungen der Shoa auf. In seinen Reden, wie oben im Text aufgeführt, und auch in Beiträgen bei facebook und telegram relativiert Schwab selbst regelmäßig die Shoa.

Screenshot von Schwabs Telegram-Kanal vom 27.01.25: NS-Relativierung zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz
Screenshot von Schwabs Telegram-Kanal vom 09.06.25: Schwab setzt die Autorin Sarah Bosetti mit SS-Obersturmführer und Lagerarzt von Auschwitz Fritz Klein gleich.

So teilte er am 27.01.25, dem 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, einen Beitrag, in dem er schreibt: „Wer es heute wagt, Parallelen zwischen der Feindbild-Rhetorik der NS-Zeit einerseits und der Kampfrhetorik gegen „Corona-Leugner“, „Querdenker“ und „Ungeimpfte“ in den letzten Jahren andererseits zu ziehen, wird gnadenlos wegen Volksverhetzung unter dem Gesichtspunkt der Verharmlosung der NS-Verbrechen (§ 130 Abs. 3 StGB) verfolgt. Deshalb ziehe ich solche Parallelen nicht.“ Dann zieht er die Paralle eben doch im weiteren Text und wählt ausgerechnet den 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz für seine eigenen Propaganda-Zwecke.

Für die verschwörungsideologische Szene (in welcher ein Großteil der Coronaleugner*innen seit Jahren zugehörig ist) sind nicht nur NS-Relativierungen ein viel genutztes (und von Schwab verteidigtes) Propaganda-Mittel. Antisemitische Verschwörungsmythen bilden das zentrale ideologische Fundament der Szene. Sei es der Mythos des „großen Austauschs“, die Erzählung von einer „New World Order“ oder die Behauptung satanischer, kinderentführender Eliten (z.B. QAnon) – der Kern dieser die Szene prägenden Verschwörungsmythen ist Antisemitismus. Aktuell fungiert Schwab als Verteidiger seiner Partei-Kollegin Johanna Findeisen-Juskowiak im Prozess um die Reichsbürger*innen-Gruppe „Patriotische Union“ (in den Medien oft als Reuß-Gruppe bezeichnet). Der Gruppe wird vorgeworfen, eine rechtsterroristische Vereinigung gebildet zu haben mit dem Ziel, einen gewaltsamen Staatsstreich umzusetzen, in dessen Zuge auch antisemitisch, rassistisch und homofeindlich motivierte Morde als „Säuberungen“ geplant worden sein sollen. Neben Schwabs Mandantin und dem mutmaßlichen Anführer der Gruppe Heinrich „Prinz“ Reuß waren in der Gruppe auch aktive und ehemalige Elitesoldat*innen, Reservist*innen und Polizist*innen organisiert, darunter auch eine mittlerweile vom Dienst suspendierte Polizistin aus Petershagen (Kreis Minden, OWL. Im Umfeld der Gruppe wurden u.a. mehr als 350 Schusswaffen und diverse Sprengmittel sichergestellt. Diverse Mitglieder der Gruppe waren zuvor bei Demos der Coronaleugner*innen-Szene aufgefallen. Die Gruppe wurde maßgeblich durch Verschwörungserzählungen beeinflusst, die an die aus dem USA stammende und im Kontext der Pandemie auch in Deutschland weit verbreiteten QAnon-Mythen anschließen. Die „Patriotische Union“ ging von einer geheimen satanischen Elite aus, die als eine Deep-State-Struktur geheime Untergrundbunker (sogenante DUMBS = deep underground military bases) unterhalte. In diesen Bunkern und Tunnelsystemen seien entführte Kinder eingesperrt, satanischen Ritualen und sexualisierter Gewalt ausgesetzt und schlussendlich ermordet worden, um aus dem Blut der Kinder eine verjüngende Substanz gewinnen zu können. Diese Erzählung ist seit der Pandemie in Deutschland virulent, man erinnere sich an Xavier Naidoo als einen prominenten Vertreter dieses Mythos. Die Wurzeln dieser abstrusen Erzählung liegen in der antijudaistischen (und später antisemitischen) Ritualmordlegende, die seit dem 12. Jahrhundert in Europa grassiert und im Laufe der Jahrhunderte immer wieder als Begründung für antijudaistische und antisemitische Pogrome diente. Martin Schwab griff in seiner Eingangserklärung als Verteidiger den Mythos auf und schloss sich dem Geraune an: „Würde es uns wirklich überraschen, wenn sich da eines Tages noch viel tiefere Abgründe auftun? Wenn das der Fall sein sollte, haben jedenfalls einige in diesem Land einiges zu verbergen. Das würde die krampfhaften Versuche des Generalbundesanwalts und der Konzernmedien, die DUMBs in das Reich der Fabel zu verweisen, zumindest plausibel erklären.“ Er übernimmt somit den antisemitischen Verschwörungsmythos und legt damit gleichzeitig nahe, dass ein Systemsturz durch eine rechtsterroristische Gruppe wie die „Patriotische Union“ unter diesen herbeifantasierten Umständen auch angemessen und somit nicht kriminell sein könne. Für seine des Rechtsterrorismus verdächtige Mandantin legt sich Schwab sehr ins Zeug, postet regelmäßig über vermeintliche Folter während der Haft (z.B. weil sie statt Bio-Zitronen konventionelle Zitronen erhalten habe, Post vom 27.01.25) und freut sich auch in einem Post über den Besuch der AfD-Bundespolitikerin Christina Baum bei seiner Mandantin im Gefängnis (Post veröffentlicht am 24.11.25). Die AfD hat ein großes Interesse daran, die „Patriotische Union“ zu verharmlosen – zu den Angeklagten gehört auch die AfD-Politikerin Birgit Malsack-Winkelmann. Schwab geht bei der Unterstützung von Johanna Findeisen-Juskowiak auch schon mal selbst über die Grenzen des Rechts. So wurde gegen Schwab eine einstweilige Verfügung erwirkt, nachdem er im Mai 2025 einen Belastungszeugen auf seinen Socialmediakanälen mit vollem Namen gedoxxt hatte. Nicht nur in seiner Verteidigungsarbeit für Findeisen-Juskowiak greift Schwab auf antisemitisches Raunen zurück, auch auf seinen Accounts bei facebook und telegram spricht Schwab von „Globalisten“ und „Globalisten-Marionetten“. Vokabular, das in der rechten und verschwörungsideologischen Szene mit antisemitischer Bedeutung aufgeladen als Platzhalter für die fabulierte „geheime jüdisch Elite“ genutzt wird.

Schon 2022 diente Schwab die stilisierte Sorge um Kinder als Rechtfertigung für die Zusammenarbeit mit der Holocaustleugnerin und Reichsbürgerin Juliane Sprunk. Sprunk habe sich nur Sorgen um die Kinder gemacht, da habe er natürlich helfen wollen. Auch nachdem er über die Tatsache informiert war, dass Sprunk den Holocaust leugnet und Neonazi-Demos zur Unterstützung von Ursula Haverbeck besuchte, arbeitete Schwab mit ihr zusammen.

Screenshot von Schwabs Telegram-Kanal vom 16.04.25: Schwab verteitigt transfeindliche Hetze

2024 schloss sich Martin Schwab der Vereinigung „Axion Resist“ an, die sich die Verbreitung von Verschwörungserzählungen rund um das Thema Kinderschutz zum zentralen Auftrag gemacht hat. Auch hier wird von staatlich organisierter Kindesentführung und geheimen pädophilen Zirkeln geschwurbelt. Auch queerfeindliche Hetze ist fester Bestandteil des Programms von Axion Resist, hier ist vor allem Ulrich Kutschera mit sehr expliziten Inhalten vertreten. Kutschera ist seit Jahren für seine homofeindlichen Positionen bekannt. Kein Problem für Martin Schwab, auf seinen Socialmedia-Kanälen verbreitet er selber regelmäßig queerfeindliche Inhalte.

Screenshot von Schwabs Telegram-Kanal vom 10.06.25: Schwab hetzt gegen Tag der Vielfalt an Steinhagener Gymnasium

Zum Beispiel am 16.04.25, als er unter dem Titel „EINE BUNDESBEHÖRDE ALS BÜTTEL DER LGBTQ-PROPAGANDA [sic]“ die Freigabe einer transfeindlichen indizierten Broschüre forderte. Oder als er am 10.06.25 das Gymnasium in Steinhagen online dafür anprangerte, einen „Tag der Vielfalt“ an der Schule zu veranstalten. Dazu schrieb Schwab u.a. „[…] Aber das Programm enthält knallharte LGBTQ-Propaganda. Und die hat an der Schule nichts verloren. […] Hätte ich ein Kind an dieser Schule, würde ich es für den 13.6.2025 krankmelden – wegen Indoktrinationsintoleranz.“ Damit bemüht Schwab, ebenso wie Kutschera, den rechten Verschwörungsmythos, es gäbe eine gezielt Indoktrination an Schulen, die Kinder durch die Thematisierung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt schade und ggf. trans oder schwul mache. Zum Thema Gendern hat Schwab die entsprechende Position: „Der Versuch, identifizierbare Menschen mit identifizierbarem Geschlecht geschlechtsneutral zu adressieren, IST EIN AKT DER ENTMENSCHLICHUNG [sic]. Die Gender-Propaganda, die mit dem Anspruch antritt, „diskriminierungsfrei“ zu kommunizieren, und diese „Diskriminierungsfreiheit“ gar als ihr Alleinstellungsmerkmal für sich reklamiert, ist damit als das entlarvt, was sie in Wirklichkeit ist: als menschenverachtend.“ (Post vom 04.07.25).

Mittlerweile ist Schwab nicht mehr als offizielles Mitglied von Axion Resist auf der Website der Vereinigung aufgeführt, dennoch lohnt sich ein Blick auf seine Aktivitäten dort. Bei einer „Pressekonferenz“ von Axion Resist am 04.08.2024, bei der Martin Schwab als Rechtsexperte einen Vortrag zur vermeintlich bedrohten Meinungsfreiheit in Deutschland hielt, war Schwab dann an der Bedrängung eines anwesenden Journalisten beteiligt. Mehr als 45 Minuten lang hielten Schwab und zwei weitere Mitglieder von Axion Resist den Journalisten fest, gegen Schwab wird in dem Zusammenhang wegen Freiheitsberaubung ermittelt.

Fassen wir zusammen: Seit 2021 befindet sich Martin Schwab in einem fortschreitenden Radikalisierungsprozess. Er verbreitet antisemitische Verschwörungsmythen, queerfeindliche Positionen und doxxt ihm unliebsame Menschen. Schwab ist gut vernetzt mit Führungsfiguren der rechten Gruppe „Bielefeld steht auf“, tritt zur Unterstützung von Tim Kellner auf und scheut auch keine Kontakte und Zusammenarbeit mit Holocaustleugner*innen. Er greift die etablierten Medien und Journalist*innen an, die zu ihm, zur verschwörungsideologischen Szene oder zur AfD kritisch berichten. Er tauscht sich mit Studierenden über seine außeruniversitären Aktivitäten aus und liefert kritische Studierende seiner Online-Fanbase aus. Und die Uni Bielefeld schweigt dazu.

Die Rektorin der Universität Bielefeld Angelika Epple hat sich im Dezember mehrfach zum Thema Antisemitismus öffentlich zu Wort gemeldet und dabei zugesichert, dass Antisemitismus keinen Platz an der Uni Bielefeld habe. Offenbar gilt das nicht, wenn es sich um einen verschwörungsideologischen Professor handelt, der einen rechten Mob in die Uni schleust.